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Das Thema des Monats im Juni 2008

Literatur-Blogs: Für jeden Geschmack etwas dabei
Von Büchern und Bloggern

BERLIN (JOKERS) – Heute schon gebloggt? Virtuelle Tagebücher sind inzwischen fester Bestandteil der Netkultur. Auch im deutschsprachigen Raum. Und wie halten es die Literaten? Die meisten begnügen sich mit aktuellen Einträgen und Terminhinweisen auf ihrer Homepage – wenn sie eine haben.


Aber nicht nur: Inzwischen nutzt eine ganze Reihe von Autoren das Blog-Format gezielt zur öffentlichen Präsenz. Auf der Webseite blog.literaturwelt.de findet sich neben zahlreichen Blogs rund um die Literatur auch eine Auflistung von über fünfzig deutschsprachigen Autoren mit Weblogs.


Literarisches Weblog a lá Alban Nikolai Herbst


Einer von ihnen: Alban Nikolai Herbst. Seit über vier Jahren versammelt er in seinem viel frequentierten Blog albannikolaiherbst.twoday.net unter der Überschrift "Die Dschungel. Anderswelt" ein weites Spektrum an Themen – inklusive literarischer Genres wie Fortsetzungsroman, Tagebuch oder Gedicht. Selbst Traumprotokolle und Travestien tauchen hier auf. Kaum ein Schriftsteller deutscher Zunge bloggt derart intensiv wie der 53-jährige, der in seinem Weblog auch eigene Opernkritiken veröffentlicht und Stellung zu Rezensionen bezieht.


Der Meinungsaustausch zwischen Autor und Kommentierenden kann im Einzelfall harsch sein: Ein Blogger sagt Herbst Paranoia nach, nachdem der ihm üble Nachrede vorgeworfen hat. Die Vorgeschichte dessen wird dem Leser nicht klar. Solche Mätzchen gehören wohl dazu, in einem Dschungel der alles erlaubt – bleiben aber zum Glück die Ausnahme. Ansonsten bieten sowohl die literarischen Beiträge als auch die Reflexionen meist gute Unterhaltung auf hohem Niveau.


Eine der Rubriken nennt sich Litblog-THEORIE. In dieser Rubrik präsentiert der Autor fortlaufend eine "Kleine Theorie des Literarischen Bloggens". In Folge 91 beschreibt er seinen Dschungel als "werdendes Netzprojekt, das sehr bewußt mit den Möglichkeiten des Mediums erzählen will, das Ausprobieren will, zum Beispiel, wie sich Romane in den Zeiten ihres Erzählens miterzählen, nahezu in Echtzeit. Das zugleich auch immer reflektiert, was es tut". Nach Herbsts Definition ist sein Literarisches Weblog an sich literarisch, die Form ist für ihn Literatur.


Kein Blog von Rainald Goetz


Seit Februar 2007 schreibt auch der ein Jahr ältere Rainald Goetz ein Blog – der 1983 als Jungspund unter dem Etikett "Popliterat" mit Herbst beim Bachmannpreis um die Wette las. Goetz' Blog "Klage" ist zu lesen unter vanityfair.de/extras/rainaldgoetz/ und wartet mit tagebuchartig-spitzfindigen Essays auf. Da seine Beiträge nicht kommentiert werden können, ist es aber eigentlich kein Blog, sondern eher eine Kolumne, wie man sie auch von Journalisten wie Harald Martenstein ("Die Zeit", "Der Tagesspiegel") kennt.


Manchmal bloggen Autoren auch in Gruppen. So hat sich das "Forum der 13" (forum-der-13.de) für Eingeweihte als Treffpunkt junger Lyriker etabliert. Eigene Poesie und der verbale Schlagabtausch darüber stehen auf der Agenda. Ann Cotten, René Hamann, Monika Rinck oder Stan Lafleur zählen momentan zu den Protagonisten. Ein Besuch verspricht reflektierte Kurzweiligkeit. Allerdings bleibt man in der Diskussion unter sich: Nur die ausgewählten Teilnehmer können sich mit Kommentaren verewigen.


Berlins "Reality Live"


Ein durchlässigeres Format bietet dagegen das Berlin-Blog "Reality Live", seit Sommer 2007 zu finden unter reality-live.de. Jeder User darf die meist Berlin-spezifischen literarischen Texte junger Autoren kommentieren. Interaktion ist ausdrücklich erwünscht. Das offene Konzept führt zwar auch zu Spam-Mails, die aber wiederum aussortiert oder von den Bloggern aufgegriffen und literarisch umgeformt werden. Federführend sind das Stadtmagazin "tip", das Literaturhaus Lettrétage und die S³ LiteraturWerke. Nach Aussagen der Macher handelt es sich in dieser Form um ein bundesweit einmaliges Projekt.


Neben Literaten wie Martin Lechner, Lilly Jäckl, Philip Maroldt, Tom Bresemann und Greta Granderath sind auch Gastblogger mit regelmäßigen Beiträgen dabei. Wie bei Herbst geht es um unterschiedliche Formate: "Wir versuchen eine Kombination verschiedener Genres, vom Party-podcast über Theaterkritiken bis zum Fortsetzungsroman.", erklärt Bresemann im Gespräch mit "Jokers". Gebloggt wird im Spannungsfeld zwischen Literatur und Lifestyle. "tip"-Redakteur Sassan Niasseri ist zufrieden mit der Resonanz: "Das Blog wird gut angenommen. An manchen genervten Kommentaren merkt man aber auch, dass einige Leser Schwierigkeiten haben, literarische Formen als solche zu akzeptieren." Eine Übersicht über Weblogs von Autoren in deutscher Sprache bietet zudem www.litblogs.net.


Literaturkritik und News im Blog-Format


Wer sich aber für literarische Formen interessiert, dem stehen natürlich nicht nur Weblogs von und mit Literaten zur Verfügung. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Blogs, die ums literarische Leben kreisen und in denen mehr oder weniger professionell Literaturkritik betrieben wird. Das eingangs erwähnte blog.literaturwelt.de etwa. Dahinter steckt ein 18-köpfiges Team. Der verantwortliche Oliver Gassner beschreibt das Forum als Online-Literatur-Salon, in dem intelligente Diskussionen über Bücher geführt werden. Ob Harry Potter, die Walser/Reich-Ranicki-Debatte oder die literarische Postmoderne – Themen gibt und gab es reichlich. Wer sich anmeldet, kann sich munter beteiligen.


Die Webseite enthält nicht nur Rezensionen, Interviews und Kurzmeldungen, sondern verweist außerdem auf deutschsprachige Weblogs zu Büchern und Literatur. Man stößt auf Spezielles wie die Tagebücher Franz Kafkas (1910-1923) oder krimiblog.de, aber auch auf thematisch ähnlich breit gestreute Blogs wie buch.germanblogs.de oder jokers-blog.de.


Vielfalt ist Trumpf


Orientierung in den Blogwelten des Internets bietet darüber hinaus thebobs.com, eine Suchmaschine für Weblogs. Unter der Rubrik "Literatur + Comics" erzielt man über dreißig deutschsprachige Treffer. Hier empfiehlt es sich, gezielt nach persönlichen Vorlieben zu stöbern, zum Beispiel unter der-hoerbuch-blog.blogspot.com oder im biografieblog.de.
Auch die Stilarten der Rezensionen sind in den Weblogs so verschieden wie die literarischen Geschmäcker. Während Buchkritiken unter der dubiosen Blog-Adresse xn--krmel-lva.com alltagssprachlich daherkommen und sich nicht um Aktualität scheren (kürzlich wurde hier Siegfried Lenz’ "Deutschstunde" rezensiert), schreiben die Kritiker der lesemaschine.de eher feuilletonistisch und im literatur-news.blog.de betont sachlich.


Fazit: Die Vielfalt literarischen Lebens spiegelt sich in den unterschiedlichen Facetten der Weblogs wider – auf allen Ebenen.


Von Lutz Steinbrück

Litblogs.net
Forum der 13
Alban Nikolai Herbst
September 2010:  Alle Termine im Überblick


Ihr Termin hier? Mailen Sie an: termine (at) berlinerliteraturkritik.de

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